Montag, 1. März 2010

Reise

Ich stelle mir vor, jedes Leben ist wie eine Schneekugel. Und die Welt ist ein Raum, der voll gestellt mit diesen Schneekugeln ist. Es sind Millionen von Regalen mit Milliarden von Schneekugeln voll gestellt. wenn nun eine dieser Schneekugeln von einer anderen verdrängt wird, fällt sie zu Boden, zerbricht, das Leben endet. Sie sind schön anzugucken, diese Schneekugeln. Aber im grunde doch nur Staubfänger... kleine, runde, gläserne Staubfänger.

Manchmal fühle ich mich, als ob meine Kugel einen Riss hätte, durch den beständig Wasser und kleine Plastik-Schneeflocken tropfen. Mein Schneekugel-häuschen liegt verlassen mitten in der Einöde. niemand kümmert sich um es.

Ich wäre dafür zuständig, doch es ist mir egal, und so verfällt es langsam.

Wenn Freunde zu besuch kommen, ist kurzzeitig der Glanz vergangener Zeiten in dem Haus zu sehen, man kann ahnen, was für ein Palast es einst war. Doch diese Besuche sind kurz, und von daher gibt es nichts, was die Hütte, die einst ein Palast war,

wieder zu ihrer alten Herrlichkeit aufbauen kann.

Ich sitze am Fenster meines Schneekugel-hüttchens und denke an vergangene Tage.

Ich erschlage im schwarzen Turm die Bestie, rette die Prinzessin, reite mit ihr auf meinem Zauberpferd davon, in den Sonnenuntergang.

Ich werfe meine Waffen davon, sie werden nicht mehr gebraucht. Der Weg, den ich nun gehe, bedarf ihrerer nicht. Das Pferd galopiert. Ich blicke in den Himmel und sehe einen Raben weit über mir fliegen.

Aasvogel. Er weiß, wo er beute machen wird. Ich werfe die Prinzessin ab. sie schreit, ich reite. Die Landschaft verändert sich, eben noch in einem dunklen Wald, finde ich mich nun in einer Wüste wieder. Ich werfe die Prinzessin ab. sie schreit, ich reite. Ich muss dem Raben einen Tribut zollen, sonst werde ich sterben, denke ich.

Am Horizont hebt sich ein dunkles Kliff von der restlichen Einöde ab. Das ziel ist nah.

ich reite schneller, erreiche den Fuß des Berges. ein ausgetretener Pfad führt gewunden zu der Spitze des Felsens. Dort oben wird es sein. ich steige ab, blicke in die schwarzen Augen meines Pferdes. es sieht erschöpft aus. der Pfand sieht trostlos aus, denke ich mir als ich los gehe.

Ich drehe mich um, doch von dem Pferd ist nicht mehr da, als ein weißes Skelett. Nur noch ich bin übrig. Soviel zeit ist vergangen, an mir ist sie spurlos vorüber gezogen.

Schatten umfängt mich, als ich beginne zu laufen. auf der Spitze des Berges thront ein gewaltiger Palast. Der Eingang steht offen, modrige Luft weht aus dem inneren.

Ich trete ein. Hierbleibe ich, denke ich mir und lege mich in das gewaltige Bett. Dunkelheit umschließt meinen Geist.

Ich lächele, obgleich dies die einzige schöne Erinnerung ist, die ich in meiner Hütte habe.

Doch muss ich nun fort, am Ende des Pfades wartet mein Pferd auf mich. "Müsstest du nicht eigentlich zu staub zerfallen sein?" flüstere ich ihm ins Ohr. Es wiehert. Ich steige auf und reite, reite. Ein tag vergeht, eine Nacht, ein Monat, ein Jahr, ein Jahrhundert.

Da stoße ich auf etwas, das ich noch nie gesehen habe: eine durchsichtige Scheibe durchschneidet das Land, hinter ihr liegt Finsternis.

das Pferd galoppiert darauf zu, es weiß, das dies das Ende der Reise ist.

Wir prallen gegen die Scheibe...

Die Schneekugel in Regal 137a523, Fach 7456 kippt, fällt und zersplittert auf dem Boden.

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